Gute Arbeit – der Mensch im Zentrum

Wie Digitalisierung gestaltet werden muss, damit sie den Menschen dient. Und warum dies eine erweiterte Sichtweise verlangt. Delia Schröder, Vorstand des Instituts für Technologie und Arbeit e.V. im Gespräch mit Michael Grupe und Jochen Pett, Fink & Fuchs.

Fink&Fuchs: Frau Schröder, wo immer wir uns umhören, sind sich alle einig: Die digitale Transformation wird als eine unausweichliche Entwicklung gesehen. Sie wird – anders als der Klimawandel – nicht geleugnet. Ist das nicht eine gute Voraussetzung, um aus der Digitalisierung letztlich das Beste zu machen?

Delia Schröder: Prinzipiell schon. Allerdings erleben wir ja auch, wie unterschiedlich die Blickwinkel auf das Thema sein können. Da reicht die Bandbreite von einer positivistischen Sicht, die technologischen Fortschritt und wachsendem Wohlstand verbindet, bis hin zu kritischen Prognosen. Diese betonen zum Beispiel das mögliche Auseinandertriften der Gesellschaft durch ein unterschiedliches Maß an digitaler Teilhabe. Oder sie sehen Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn Bürger die Kontrolle über ihre Daten verlieren.

Wenn die Digitalisierung nachhaltig erfolgreich sein soll, muss der Mensch ins Zentrum gerückt werden.

Fink&Fuchs: Der Mensch im Mittelpunkt – eine beliebte HR-Floskel. Warum sollte das jetzt glaubhaft sein?

Delia Schröder: Zum Beispiel, weil es sich rein ökonomisch begründen lässt: Nur wenn der Mensch mitmacht, kann die Technologie wirtschaftlichen Nutzen bringen. Von ethischen Argumenten, die auf das Wohl der Beschäftigten einzahlen, ganz abgesehen.

Gerade die Arbeitswelt verändert sich rasant. Mitarbeiter sehen sich überall mit massiven Umwälzungen und teils völlig neuen Anforderungen konfrontiert. Darauf müssen Arbeitgeber umfassend eingehen …

Fink&Fuchs: … was der Grund dafür ist, dass wir im HRM Digital Readiness Check die relevanten Handlungsfelder umfassend abdecken. Strategie, Personalarbeit, Kommunikation, Führung, Unternehmenskultur, Prozesse, Technologie – all dies hängt ja zusammen.

Delia Schröder: Richtig, es greift zu kurz, die technologischen und betriebswirtschaftlichen Faktoren isoliert zu betrachten. So haben auch die äußeren Rahmenbedingungen Einfluss darauf, wie sich die Digitalisierung in den Betrieben konkret auf die Beschäftigten auswirkt. Wir müssen daher den rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Kontext genauso im Blick behalten wie die internen Changeprozesse.

Fink&Fuchs: Kommen wir darauf zurück, wie die Digitalisierung wahrgenommen und diskutiert wird. In den nächsten zehn Jahren werden womöglich zwei Drittel der heutigen Tätigkeiten automatisiert. 15 Prozent aller Jobs in westlichen Industrienationen könnten wegfallen. Neue Jobs, die das kompensieren könnten, müssen erst noch entstehen. Und die Frage ist, wer wird sie ausüben? Algorithmen und Roboter, so die Angst, machen uns arbeitslos. Wieviel Skepsis ist berechtigt?

Delia Schröder: Ich frage mich, ob Angst ein guter Ratgeber ist. Wir haben es in der Hand, wie gut wir uns auf die Veränderungen vorbereiten – auf gesellschaftlicher wie auf betrieblicher Ebene. Was wäre denn die Alternative?

Unter den Ökonomen gibt es viele, die unterm Strich keine negativen Beschäftigungseffekte erwarten. Ihren Thesen zufolge werden Arbeitsplatzverluste durch neue Jobs an anderer Stelle abgefedert.

Über die Summe aller Erwerbstätigen hinweg wird Digitalisierung sicherlich zu einer Aufwertung hochqualifizierter Jobs führen. Arbeitskräfte mit entsprechenden Qualifikationen werden hiervon profitieren. Wichtig wird es sein, dass wir Strategien entwickeln für Arbeitskräfte, die diese erforderlichen Qualifikationen nicht aufbringen.

Fink&Fuchs: Womit wir wieder beim Menschen wären. Ein Versprechen der Digitalisierung ist ja eine Humanisierung der Arbeitswelt, etwa durch die Entlastung von gefährlichen oder stets gleichförmigen Tätigkeiten. Wird die digitale Arbeitswelt also menschenfreundlicher?  

Delia Schröder: Zweifellos ist Effizienz der wesentliche Treiber für die Digitalisierung. Es geht darum, im globalen Wettbewerb zu bestehen und flexibel auf den Markt zu reagieren. Gleichzeitig macht der digitale Fortschritt es möglich, „gute Arbeit“ zu realisieren, und zwar aus Sicht der Beschäftigten.

Gute Arbeit  umfasst im Wesentlichen vier Dinge: geringe Belastung, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsplatzsicherheit sowie ein angemessenes Einkommen.  Entscheidend ist, wie und wofür wir die neuen Technologien anwenden. Kollaborative Robotik etwa entlastet schon heute viele Beschäftigte von schwerer körperlicher Arbeit. Digitales Lernen wird bereits zur individuellen Entwicklung am Arbeitsplatz eingesetzt, indem Lernsequenzen in die Arbeitsabläufe integriert werden.

Fink&Fuchs: Wenn es aber nun anders kommt? Wenn Menschen zu rein ausführenden Arbeitskräften herabgestuft werden, wäre das auf Dauer doch ein Problem. Eine psycho-soziale Funktion der Erwerbsarbeit besteht in Aktivität und dem Gefühl, Handlungskompetenz zu besitzen. Was passiert, wenn beispielsweise KI den Takt angibt und der Mensch nur noch auf ihre Vorgaben reagiert?  

Delia Schröder: Bei einer solchen Form der Dequalifizierung kann der identitätsstiftende Charakter der Arbeit verlorengehen. Es wird also darauf ankommen, betriebliche Szenarien auszuhandeln und zu definieren, die die positiven Aspekte der Digitalisierung ermöglichen, ihre Schattenseiten jedoch möglichst geringhalten. Genau dafür liefert der HRM Digital Readiness Check übrigens eine tragfähige Grundlage.

Wie gesagt, das meiste haben wir selbst in der Hand.

2019-02-14T14:39:57+00:00