Fünf Fragen an: Dr.-Ing. Marius Orfgen

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Dabei ist die Digitalisierung der vielleicht wichtigste Treiber. Worauf müssen sich Arbeitgeber, Beschäftigte und Gesellschaft einstellen? Was konkret kommt auf die Personalmanager zu? Und was sollten sie tun, um den digitalen Wandel im Unternehmen so zu gestalten, dass alle davon profitieren?   

Zu diesen Themen richten wir regelmäßig fünf Fragen an Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen, dieses Mal an Dr.-Ing. Marius Orfgen, Geschäftsführer bei MiniTec Smart Solutions.

Herr Dr. Orfgen, erinnern Sie sich an Ihre erste Erfahrung mit dem digitalen Wandel? Woran haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass die Digitalisierung für Sie persönlich etwas verändert?

Mich haben die möglichen Auswirkungen der Informatik auf die Produktion schon seit langem interessiert. 2011 wurde mit dem Schlagwort „Industrie 4.0“ eher eine Hoffnung verbunden, die Vorteile der Digitalisierung in der Industrie zu nutzen. Seit ungefähr 2014 haben wir dann gemerkt, wie unsere Forschungsthemen von der Industrie aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Meiner Meinung nach steht der größte Wandel jedoch noch bevor, insbesondere was Robotik und Logistik angeht.

Die digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft wird vermutlich anders aussehen als die, die wir kennen. Welche Faktoren und Trends werden sie in besonderer Weise prägen?

Ich denke, dass die Arbeit, wie wir sie heute kennen, in zwanzig Jahren nicht mehr existieren wird. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass prinzipiell jede menschliche Arbeitstätigkeit automatisiert werden kann. Sogar in Bereichen wie der Forschung sehen wir heute schon Ansätze, nicht nur die Durchführung von Versuchen, sondern die Bildung von Hypothesen zu automatisieren.

Wichtig ist für mich ein stärkerer Fokus auf den Mitarbeiter, nicht nur in Bezug auf seine Leistung, sondern insbesondere auf Aspekte wie Wohlbefinden, Erfolgserlebnisse oder Selbstverwirklichung. Gerade weil wir prinzipiell jeden Menschen durch eine Maschine ersetzen könnten, müssen wir uns grundlegende Gedanken dazu machen, wie wir Arbeit in Zukunft so ausrichten, dass der Mitarbeiter davon als Mensch profitiert.

In welchen Handlungsfeldern sehen Sie für HR-Manager in den nächsten Jahren das größte Potenzial?

Mitarbeiter wechseln öfter die Stelle als früher, die Organisation vieler Unternehmen wird flexibler (oder versucht es zumindest), durch das Internet kann ich Mitarbeiter in anderen Ländern finden und sie auch dort arbeiten lassen. Ich denke, diese Trends werden sich in Zukunft noch verstärken. Daraus entstehen neue Herausforderungen für den HR-Bereich.

Auch werden wir deutlich mehr kleine Firmen und Selbstständige haben, die sich für einzelne Projekte zusammenfinden. Ich muss also gar nicht mehr die Frage beantworten „Soll diese Person die nächsten Jahrzehnte bei uns arbeiten?“ sondern „Bringt diese Person oder diese kleine Firma die richtigen Fähigkeiten für das aktuelle Projekt mit?“

Wie gut sind Arbeitgeber heute schon auf die digitale Transformation eingestellt? Bzw. was müsste geschehen, damit sie es sind?

Die digitale Transformation stellt insbesondere Herausforderungen an bestehende Organisationsstrukturen in den Unternehmen. Da es nicht nur um Laptop statt Schreibmaschine geht, sondern die modernen Kommunikations- und Arbeitsformen neuere Konzepte wie agile Teams oder stärkere Selbstorganisation nach sich ziehen, muss sich insbesondere das mittlere Management neu erfinden, da ihre klassischen Aufgaben zunehmend wegfallen. Gleichzeitig kann man Aufgaben einfacher über Firmengrenzen hinaus vergeben, als das früher mit Brief und Telefon der Fall gewesen wäre.

Ich halte persönlichen Kontakt und physische Anwesenheit bei Meetings für ganz wichtige Bestandteile für gute Zusammenarbeit. Das widerspricht ein wenig der Vorstellung einer komplett dezentralen Firma, die sich über die ganze Welt verteilt. Ich denke, zwischen der klassischen Firma mit Bürogebäude und morgendlicher Anfahrt und einer Menge über die Welt verstreuter Mitarbeiter gibt es ein Kontinuum, bei dem man einfach ausprobieren muss, was funktioniert und was nicht.

Als zentral für die digitale Transformation erachte ich die richtige Einstellung: Es wird sich vieles ändern. Niemand kann vorhersagen, wie die Arbeit in zehn Jahren aussieht. Man sollte die neuen Technologien offen, aber kritisch betrachten. Wenn diese Einstellung da ist und aktiv gelebt wird, kann ein Unternehmen recht gelassen in Richtung Zukunft steuern.

Um das Thema Digitalisierung herrscht allzu oft entweder Hype oder Hysterie. Welche Thesen oder Schlagworte würden Sie an dieser Stelle gerne einmal hinterfragen?

Begriffe wie „Industrie 4.0“ können sich sehr schnell abnutzen, wenn man sie wie einen Werbeaufkleber auf jedes Produkt pappt. Als das eigentliche Problem dahinter sehe ich eine These, die gar nicht so explizit formuliert wird: „Trotz neuer Technologie bleibt alles beim Alten.“

Das mag beruhigend klingen, ist aber meiner Meinung nach die grundlegend falsche Herangehensweise.

Denn Unternehmen brauchen eine fundierte Basis, um Entscheidungen zu treffen, was im Zuge der digitalen Transformation heißt, Experte für diese neuen Technologien zu werden. Denn nur, wenn sie die Anwendungsgebiete und Limitationen dieser Technologien kennen, können sie Hype von praktischem Nutzen trennen und entscheiden, ob der Einsatz einer konkreten Technologie Sinn macht.

Redaktioneller Hinweis:

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hrm-digital@finkfuchs.de

2019-02-14T14:27:54+00:00